Kos­me­ti­sche Operationen

Als Patient sollte man seinen Arzt nach einer Berufs­haft­pflicht fragen, um ganz sicher zu gehen.

„Risiko & Vor­sorge“ im Inter­view mit Dr. Boor­boor von Cos­mo­po­litan Aes­the­tics in Hannover

Risiko & Vor­sorge: Es ist schön, dass Sie sich die Zeit für ein Inter­view nehmen konnten. Herr Dr. Boor­boor, Sie sind Fach­arzt für plas­ti­sche und ästhe­ti­sche Chir­urgie und Geschäfts­führer der Cos­mo­po­litan Aes­the­tics in Han­nover und Ham­burg. In dieser Funk­tion führen Sie mit Ihrem Team jähr­lich etwa 500 bis 600 Brust­ope­ra­tionen sowie ca. 1.000 wei­tere chir­ur­gi­sche Ein­griffe durch. Aus wel­chem Grunde kommen die meisten Pati­enten und Pati­en­tinnen zu Ihnen?

Boor­boor: Da unsere Kli­niken und Ärzte auf ästhe­ti­sche Ope­ra­tionen aus­ge­richtet sind, sind die meisten unserer Pati­enten solche, welche mit Wunsch nach einer äußer­li­chen Ver­än­de­rung zu uns kommen. Die meisten unserer Ope­ra­tionen sind in der Tat Brust­ope­ra­tionen zur Ver­grö­ße­rung, Ver­klei­ne­rung bzw. Straf­fung. Ansonsten finden bei uns eine hohe Zahl von Fett­ab­sau­gungen und Gesichts­ein­griffen statt.

© 2019 – Dr. Pejman Boorboor

Risiko & Vor­sorge: Wie oft kommt es vor, dass Sie in Anspruch genommen werden, weil Ver­si­cherte einen unfall­be­dingten chir­ur­gi­schen Ein­griff vor­nehmen lassen müssen, um die kos­me­ti­schen Folgen sol­cher Unfälle zu korrigieren?

Boor­boor: Da es sich bei unseren Kli­niken um Pri­vat­kli­niken han­delt, kommen Pati­enten aus dieser Gruppe nur dann zu uns, wenn die Leis­tung z.B. durch eine pri­vate Unfall­ver­si­che­rung oder Haft­pflicht­ver­si­che­rung des Unfall­geg­ners über­nommen wird. Wir haben etwa fünf bis zehn solche Fälle im Jahr.

Risiko & Vor­sorge: Was sind im Zusam­men­hang mit unfall­be­dingten kos­me­ti­schen Ope­ra­tionen die häu­figsten Behand­lungen und wie gestaltet sich die Leis­tungs­ab­wick­lung mit den Unfallversicherungen?

Boor­boor: Am häu­figsten sind es Nar­ben­kor­rek­turen, die nach schlecht ver­heilten Wunden durch­ge­führt werden; über­wie­gend im Gesichts­be­reich, wo die Narben auf­fällig zu sehen sind. Wenn wir eine Nar­ben­kor­rektur als aus­sichts­reich erachten, wird von unserer Seite eine Indi­ka­ti­ons­be­stä­ti­gung mit dem ope­ra­tiven Vor­haben in Form einer GOÄ-Rech­nung als Kos­ten­vor­anschlag erstellt. Wenn die Ver­si­che­rung dem zustimmt, wird die Ope­ra­tion geplant.

Risiko & Vor­sorge: Laut Sta­tista (Quelle: https://​de​.sta​tista​.com/​s​t​a​t​i​s​t​i​k​/​d​a​t​e​n​/​s​t​u​d​i​e​/​2​5​8​3​4​1​/​u​m​f​r​a​g​e​/​l​a​e​n​d​e​r​-​m​i​t​-​d​e​n​-​m​e​i​s​t​e​n​-​b​r​u​s​t​v​e​r​g​r​o​e​s​s​e​r​u​n​g​en/) wurden in Deutsch­land im Jahre 2017 ins­ge­samt 39.300 Brust­ope­ra­tionen durch­ge­führt. Damit liegt Deutsch­land auf Platz 9 der Sta­tistik. Wel­ches sind die häu­figsten Schön­heits­ope­ra­tionen, die Ihr Haus durchführt?

Boor­boor: Auch bei uns sind Brust­ope­ra­tionen mit einem Anteil von ca. 35 % der häu­figste Eingriff.

Risiko & Vor­sorge: In wel­chem Umfang betei­ligen sich gesetz­liche oder pri­vate Kran­ken­kassen an den Kosten sol­cher Ope­ra­tionen bzw. an den Folgen miss­glückter Operationen?

Boor­boor: Als plas­ti­scher Chirurg wird man sehr oft mit der Frage kon­fron­tiert, ob die Kran­ken­kasse die eine oder andere Schön­heits­ope­ra­tion über­nimmt. Selbst eine Teil­fi­nan­zie­rung der Kosten würde eine Ent­las­tung der Pati­en­tinnen und Pati­enten bedeuten. Zunächst stellt sich die Frage: wann muss eine Kran­ken­ver­si­che­rung bezahlen? Nach SGB V haben gesetz­liche Kran­ken­ver­si­che­rungen als Soli­dar­ge­mein­schaft die Auf­gabe, „die Gesund­heit der Ver­si­cherten zu erhalten, wie­der­her­zu­stellen oder ihren Gesund­heits­zu­stand zu ver­bes­sern.“ Das Gesetz stellt unmiss­ver­ständ­lich klar, dass es um die kör­per­liche – aber auch – um die geis­tige Gesund­heit geht. Und „Schön­heits­ope­ra­tionen“ haben über­wie­gend das Ziel, die äußere Erschei­nung zu ver­bes­sern, wes­halb diese grund­sätz­lich keine Leis­tungs­pflicht der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rungen erfüllen.

Es gibt aller­dings Aus­nahmen bzw. eine große Grau­zone. Da zur „Gesund­heit“ im All­ge­meinen auch die geis­tige Gesund­heit zählt, gibt es nicht selten bestimmte kör­per­liche Erschei­nungen, die die Seele der Betrof­fenen belasten. Von einer ästhe­ti­schen Kor­rektur würden diese Men­schen sicher­lich auch see­lisch pro­fi­tieren. Das kann weit­rei­chende posi­tive Folgen bis hin zu ein­fa­cherem Aufbau von sozialen Kon­takten und bes­sere Chancen im Job haben. Nur eine Grenze fest­zu­setzen, ab wann diese Erschei­nung als „Krank­heit“ gilt oder nicht, ist eine sehr kom­pli­zierte Auf­gabe. Hier kol­li­dieren die Inter­essen der ein­zelnen Betrof­fenen mit denen der Solidargemeinschaft.

Allein der Wunsch der Pati­en­tinnen und Pati­enten nach einer Ope­ra­tion und eine Bestä­ti­gung des stö­renden Befundes durch einen Fach­arzt für plas­ti­sche Chir­urgie ist für eine Kran­ken­ver­si­che­rung noch lange nicht aus­rei­chend für eine Kostenübernahme.

Es gibt aller­dings auch eine Gruppe von Dia­gnosen, die nach­weis­lich zu kör­per­li­chen Erkran­kungen führen können. So können sehr große Brüste zu Wir­bel­säu­len­be­schwerden und Haut­aus­schlägen in den Falten führen. Hier würde eine Brust­ver­klei­ne­rung zu einer Bes­se­rung der kör­per­li­chen Beschwerden führen. Wenn ein Ortho­päde oder Haut­arzt den Zusam­men­hang mit der „Gigan­to­mastie“ bestä­tigt, muss die Kran­ken­ver­si­che­rung die Kosten übernehmen.

Gene­rell kann man sagen, dass der Anteil von „Kas­sen­ein­griffen“ in unseren Kli­niken bei etwa 2 % liegt, mit anderen Worten die meisten sind Selbst­zahler. Kor­rektur von ander­weitig miss­glückten Ope­ra­tionen ist ein Schwer­punkt unserer Kli­niken, wobei in den meisten Fällen auch hier die meisten Kor­rek­turen von den Pati­enten selbst bezahlt werden, da sich sowohl die gesetz­li­chen als auch die pri­vaten Kran­ken­ver­si­che­rungen leider nicht in der Leis­tungs­pflicht nach SGB V sehen. 

© 2019 – Cos­mo­po­litan Aesthetics

Risiko & Vor­sorge: Welche Mög­lich­keiten haben Pati­enten, wenn die Kran­ken­ver­si­che­rung eine Kos­ten­über­nahme ablehnt und objektiv ein Leis­tungs­an­spruch vorliegt?

Boor­boor: Da sind die Mög­lich­keiten leider relativ beschränkt. Manche wech­seln ihre Kran­ken­ver­si­che­rung, manche führen einen teil­weise jah­re­langen teuren Pro­zess gegen die Kran­ken­kasse mit unklarem Aus­gang. Des­halb geben wir in sol­chen Fällen die Emp­feh­lung, lieber selbst den Ein­griff nach Mög­lich­keit zu bezahlen.

Risiko & Vor­sorge: Mit wel­chen Kosten müssen Pati­enten rechnen, wenn sie sich z.B. für eine Brust­ver­grö­ße­rung, eine Nasen­kor­rektur oder eine Fett­ab­sau­gung inter­es­sieren und diese Kosten selbst tragen müssen?

Boor­boor: Die Kosten vari­ieren je nach Auf­wand. Im All­ge­meinen muss bei man bei seriösen und eta­blierten Kli­niken mit etwa 6.000 EUR für eine Brust­ver­grö­ße­rung, 5 bis 6.000 EUR für eine Nasen­kor­rektur und zwi­schen 2.000 und 7.000 EUR für Fett­ab­sau­gungen rechnen, je nachdem, wie viele Gebiete abge­saugt werden.

Risiko & Vor­sorge: Ver­schie­dene Medien haben jüngst über die  „Jah­res­sta­tistik 2018: Behand­lungs­fehler-Begut­ach­tung der MDK-Gemein­schaft“ berichtet (z.B. https://​www​.ver​si​che​rungs​journal​.de/​m​a​r​k​t​-​u​n​d​-​p​o​l​i​t​i​k​/​d​i​e​-​h​a​e​u​f​i​g​s​t​e​n​-​b​e​h​a​n​d​l​u​n​g​s​f​e​h​l​e​r​-​1​3​5​6​8​6​.​p​h​p​?​v​c​=​r​s​s​_​a​r​t​i​k​e​l​&​v​k​=​1​3​5​686). Hier­nach seien 2018 etwa 14.100 Vor­würfe gegen Ärzte wegen Behand­lungs­feh­lern ergangen, davon etwa ein Viertel berech­tigt. Deckt sich dies mit Ihren Erfah­rungen zur Branche? Die Sta­tistik gibt kei­nerlei Angaben für den Bereich der plas­ti­schen Chirurgie.

Boor­boor: Es gibt in unseren Fach­ge­sell­schaften kein Register für ange­mel­dete Rechts­fälle. Da sind die Ver­si­che­rungen, die auf plas­ti­sche Chir­urgie spe­zia­li­siert sind sicher­lich die rich­tigen Ansprech­partner für solche Sta­tis­tiken. Rein vom Gefühl würde ich aber auch sagen, dass die meisten Vor­würfe wegen Behand­lungs­feh­lern eher unbe­rech­tigt sind. Behand­lungs­fehler sind echte „Fehler“ sei­tens des Arztes bzw. Erfül­lungs­ge­hilfen. Als Bei­spiel hierfür gelten ver­ges­sene OP-Mate­ria­lien in der Wunde oder eine nicht nach Leit­li­nien durch­ge­führte Ope­ra­tion. Im Zweifel setzen sich damit Gut­achter und Gerichte aus­ein­ander, was ein »Fehler« und was als schick­sal­haft ein­zu­stufen ist. Kom­pli­ka­tionen, die eher durch „schick­sals­hafte Kom­pli­ka­tionen“ auf­treten recht­fer­tigen bei guter Auf­klä­rung vorab keinen Anspruch auf Schadenersatz.

Risiko & Vor­sorge: Was sind die häu­figsten Behand­lungs­fehler im Zusam­men­hang mit Fett­ab­sau­gungen und Brustvergrößerungen?

Boor­boor: Bei uns gibt es grö­ßere Kom­pli­ka­tionen bei etwa 1 Pro­zent unserer Ein­griffe. Im Zusam­men­hang mit Brust­ver­grö­ße­rungen spielen Fehl­plat­zie­rungen, Nach­blu­tungen und Kap­sel­fi­brosen die größte Bedeu­tung. Seitdem wir auf mikro­tex­tu­rierte Implan­tate umge­stellt haben, ist ein deut­li­cher Rück­gang an Ver­kap­se­lungen fest­zu­stellen. Diese Kom­pli­ka­tionen können durch erneute Ope­ra­tionen behoben werden.

Dar­über hinaus kommt es in etwa 4 bis 5 Pro­zent aller Fälle zu Ner­ven­schä­di­gungen und Emp­fin­dungs­stö­rungen (z.B. an der Brust­warze). In der Regel sind solche Stö­rungen auf einen Zeit­raum von ca. 1 bis 2 Jahren begrenzt. Es gibt aber auch Fälle, in denen eine dau­er­hafte Sen­si­bi­li­täts­ab­nahme ver­bleibt. Dies ist dann leider nicht mehr kor­ri­gierbar, in den meisten Fällen aller­dings auch nicht so störend.

Risiko & Vor­sorge: Welche Erfah­rungen haben Sie in diesem Zusam­men­hang mit der Regu­lie­rung durch Fol­ge­kos­ten­ver­si­che­rungen gemacht?

Boor­boor: Wir arbeiten mit unserem Ver­si­cherer schon seit sieben Jahren zusammen und hatten noch keine Pro­bleme. Bis­lang wurden alle Ver­si­che­rungs­fälle anstandslos regu­liert. In der Regel liegen die Kosten bei unter 5.000 Euro, wobei wir klei­nere Nach­kor­rek­turen auch ohne Rück­griff auf die Ver­si­che­rung selbst regu­lieren und uns um Kulanz unseren Kunden gegen­über bemühen.

Risiko & Vor­sorge: Wie oft ver­zichten Ihre Pati­enten auf den Abschluss einer Fol­ge­kos­ten­ver­si­che­rung und was sind die häu­figsten Miss­ver­ständ­nisse über den Leis­tungs­um­fang sol­cher Versicherungen?

Boor­boor: Bei Brust­ver­grö­ße­rung mit Implan­taten wird die Ver­si­che­rung von nahezu jeder Pati­entin in Anspruch genommen. Wir emp­fehlen dies auch sehr explizit. Die Ver­si­che­rung bezahlt aller­dings nur bei echten Kom­pli­ka­tionen. Ästhe­ti­sche Nach­kor­rek­turen sind in der Leis­tung nicht ent­halten. Diese ver­richten wir aller­dings wie erwähnt fast immer kos­ten­frei und auf Kulanz für unsere Patienten.

Risiko & Vor­sorge: Gibt es eine gesetz­liche Pflicht für plas­ti­sche Chir­urgen, eine Berufs­haft­pflicht nachzuweisen?

Boor­boor: Eine gesetz­liche Pflicht ist mir nicht bekannt. Aller­dings wird jeder seriöse und aktive plas­ti­sche Chirurg sich ver­si­chern müssen, weil er ansonsten ein sehr hohes wirt­schaft­li­ches Risiko ein­geht. Sollte es zu Ver­ur­tei­lungen bei Behand­lungs­feh­lern kommen, und er würde keine Haft­pflicht­ver­si­che­rung vor­weisen können, muss er privat haften. Das kann weit­rei­chende Folgen für sein beruf­li­ches und pri­vates Leben haben. Wir haben eine solche Ver­si­che­rung mit einer Deckungs­summe von 5 Mil­lionen Euro. Da die Scha­den­er­satz­for­de­rungen in Deutsch­land eher gering sind, ist diese Absi­che­rung nach unserer Ein­schät­zung mehr als ausreichend.

Risiko & Vor­sorge: Ist es Ihnen bekannt, ob Ärzte ohne Berufs­haft­pflicht ope­rieren und falls ja, wie oft dies vorkommt?

Boor­boor: Ja, es gibt einige wenige Ärzte, die keine Ver­si­che­rung abge­schlossen haben bzw. deren Berufs­haft­pflicht gekün­digt wurde, und sie daher ohne einen ent­spre­chenden Schutz ope­rieren. Oft kün­digt die Ver­mö­gens­scha­dens­haft­pflicht den ver­si­cherten Ärzten bereits nach meh­reren Scha­dens­fällen mit 100.000 Euro oder mehr. Als Patient sollte man daher seinen Arzt nach einer Berufs­haft­pflicht fragen, um ganz sicherzugehen.

Risiko & Vor­sorge: Herz­li­chen Dank für das Interview.

Das Inter­view erschien ursprüng­lich am 29.05.2019 in »Risiko & Vor­sorge« 1–2019, S. 18–20.

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